Wer hat meine Daten?

Ein Eigenversuch mit fast schon geahntem unendlichem Ende

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Meinen Namen, Geburtstag und Beruf kann jeder wissen. Doch viele wollen mehr. Sie wollen alle meine Daten erhaschen, sie wollen alles über mich wissen. Sie wollen wissen wo und wie ich wohne, was ich esse, was ich lese und vor allem wie viel ich verdiene. – Was mich interessiert ist: Wer hat meine Daten? Bei der Suche nach einer Antwort lerne ich zu staunen, wie wir täglich ausspioniert werden.

Zum Beispiel die „Information Group“ Schober in Ditzingen bei Stuttgart. Sie speichert in gigantischen Dimensionen Daten von über 50 Millionen Bürgern und hat 10 Milliarden weitere Zusatzinformationen. Die Firma selbst gibt an, jedes Haus vor Ort bewertet und gespeichert zu haben. Von ihr stammt manchmal meine Adresse, wenn ich persönlich-adressierte Werbepost bekomme. Heute mal wieder mit einem Wertgeschenk! Warum gerade ich? Und wie genau wurde ich ermittelt? Das wird nicht erklärt. Dafür „Herzlichen Glückwunsch“ – meine Daten stimmen überein. Als Absender gibt sich der Veranstalter „Treuepunkt“ zu erkennen, ich will wissen: Wer steckt wirklich hinter dieser Einladung und vor allem: Woher haben die meine Adresse? Deshalb nehme ich die Einladung an.
Ich werde in einem Luxusbus in einen kleinen Fleck auf der schwäbischen Alb gefahren. In einer anspruchslosen Dorfgaststätte erwarten mich eine billige Verkaufsveranstaltung und ein wertloser Wisch als Gewinn. Meine Fragen, woher der Veranstalter meine Adresse und Daten hat, werden abgeschmettert: „Wenden Sie sich an die Geschäftsleitung“, sagt der Moderator der Verkaufsveranstaltung mürrisch und wendet sich seinem Haushaltskram zu, den er verkaufen soll.
Ich fahre nach Hause und frage mich: Aus welcher Datenbank nur mag mich der „Treuepunkt“ gefischt haben? Vielleicht von Schober? Oder irgendeinem anderen der unzähligen Adressenmakler? Ich erinnere mich an die stolze Botschaft des Unternehmens: „50 Millionen Privatadressen und 10 Milliarden Zusatzinformationen!“ Dazu „Alle 19 Millionen Gebäude Deutschlands Haus für Haus persönlich vor Ort bewertet!“ Das Schober Unternehmen soll eine der umfangreichsten Schnüffelaktionen gestartet haben. Mit Aufnahmen von Haus und Garten versucht es die magere Adresse mit Zusatzinformationen anzureichern. – Nur so nützt sie der Werbeindustrie. Aus der Größe der Wohnung und des Gartens wollen sie mein Einkommen errechnen. Wie in einem Puzzle setzten sich so meine Daten zu einem Käuferprofil zusammen.

Was weiß die Schufa von mir?
Meine finanzielle Situation kennt die Schufa – die Schutzgemeinschaft für Absatzfinanzierung. Sie speichert: Wer verschuldet ist und Kredite laufen hat – klar. Aber auch: Wer ein Girokonto hat oder nur ein Handyvertrag besitzt. Alle diese Daten hat die Schufa über fast jeden Bürger. 62 Millionen Personen sind hier erfasst, weit über 300 Millionen Informationen sind bei ihr gespeichert. Die Eigentümer der Schufa sind Banken, Versandhäuser und Telekommunikationsanbieter. Sie alle leiten ihre Kundendaten direkt an die Schufa weiter.
Das Problem aber sind nicht die vielen Daten, das Problem für die Datenschützer ist der Score-Wert. Den Score-Wert berechnet die Schufa aus Daten, die Personen zu Risikogruppen mit besonderen Merkmalen zuordnet. Je nach Punkten bekommt der Gespeicherte einen Wert, der darüber bestimmt, welchen Zinssatz die Bank ihm bietet. Der Score-Wert entscheidet über die persönliche Kreditwürdigkeit. Als Personenmerkmal taugt er nicht.
Den Score-Wert errechnen heute mehrere Dienstleister. Dabei werden auch die Daten des Nachbarn, des Wohnviertels und auch Wohnungs- oder Arbeitsplatzwechsel mit einberechnet. Das Scoringverfahren liefert zwar lediglich Näherungswerte, also Wahrscheinlichkeiten, aber der Einzelne kann dagegen nichts tun, er weiß nicht einmal, dass er mit seinem Nachbarn in einer Schublade steckt.

Was verrät die paycard?
Und noch eine Werbung in meinem Briefkasten. Absender: „HappyDigits“. Ich kenne diese Firma nicht. Ich erfahre: HappyDigits ist der zweitgrößte Kundenkartenanbieter Deutschlands, nach paycard. Trotzdem bin ich sicher, dass ich keine Kundenkarte will und nie gewollt habe und vermute, dass auch HappyDigits meine Adresse gekauft hat.
HappyDigits behauptet, ich hätte mich selbst angemeldet. Das glaube ich nicht und will es sehen, deshalb fahre ich in die Zentrale nach Köln. Nun soll es aber mein Anmeldeformular nicht mehr geben. Trotz milliardenfacher digitaler Datenspeicherungen, meine Anmeldung ist weg. Dabei ist Datenerhebung, Datenspeicherung und Datenabgleichung genau das Geschäft von HappyDigits.
Die Daten der Kunden nutzen die Unternehmen zu allererst, um Werbung zielgenau auf die Kundenkartenbesitzer abzustimmen. Eine Art private Rasterfahndung. Wer über die Kundenkarte HappyDigits zum Beispiel verrät, dass er mit Neckermann verreist, bekommt vielleicht Post von Sixt, mit dem Angebot einen Leihwagen zu bestellen. – Interessenabgleichungen mit meinen Daten ist das Geschäft der Kundenkartenbetreiber.

Überwachte Kunden
In jedem Supermarkt werden die Kunden überwacht. Dabei geht es nicht nur um den Schutz vor Diebstahl, sondern um das Einkaufsverhalten der Besucher. Der Supermarktbetreiber will wissen, wie der Käufer seine Wege durch sein Regalsystem lenkt. Aber interessanter sind für den Ladenbesitzer die personenbezogenen Daten. Schon der Kaufmann um die Ecke merkte sich genau, was Frau Maier liebte und welchem Produkt Herr Müller zugeneigt war. Und genau das sind die Daten heute, mit denen der Supermarkt-Besucher zum gläsernen Kunden wird. Dank Kundenkarte wird mein Einkaufskorb, aufgeschlüsselt bis ins Detail, erfasst. Jeder Artikel wird registriert. Bezahle ich mit der Karte, so wird jeder gekaufte Artikel mit meinem Namen gespeichert.
Heute weiß längst nicht mehr nur der Kaufmann um die Ecke, dass ich regelmäßig Alkohol konsumiere, heute wissen dies Konzerne. Daten, die nie in die Hände der privaten Lebens- oder Krankenversicherungen fallen dürfen!

Überwachte Bürger
Jeder neue Reisepass in Deutschland hat heute den RFID-Funk-Chip. Auf ihm gespeichert ist das Gesichtsbild. Ab 2008 sollen auch Iris und Fingerabdruck gespeichert werden. Die Chip-Revolution speichert noch mehr Daten!
Deutschland ist das erste EU-Land, das einen e-Pass eingeführt hat. Die Passbehörden speichern seit dem 1. November 2005 erste biometrische Daten. Es war zum Ende seiner Amtszeit, als Innenminister Otto Schily mit einer Verwaltungsbestimmung den e-Pass durchsetzte. Läuft alles nach Plan, wird in Europa die größte Fingerabdruckdatei der Welt entstehen. Die Datenschützer warnen vor dem Missbrauch der Daten in totalitären Ländern.
Die Einführung des Funkchips im Ausweis bietet Überwachungsmöglichkeiten der Bürger im großen Stil. – Doch, wer will die Gefahr schon sehen?
Der Spion in der eigenen Tasche
Handybenutzer sind immer online mit einer Datenbank verbunden. Ich bin bei MobilCom, das ist mein Handy-Provider. Fein säuberlich wird hier jeder Anruf, jede gewählte Telefon-Nummer, jeder mich Anrufende gespeichert, exakt auf die Sekunde mit Annahme und Beendigung des Gesprächs. Die monatliche Abrechnung mit Einzelverbindungsnachweis ist schon ein Datenwust. Doch zu allem hin ist hier auch noch genau gespeichert, wo ich wann war. Das heißt auch unterwegs immer online, allzeit an der Datenleine. Denn ich sende ständig und dauernd meinem Provider meine exakten Koordinaten, gleichgültig, wo mein Handy empfangsbereit liegt, T-Mobile weiß immer wo ich gerade bin. Das muss man sich klar machen: Die Rechner bei meinem Provider lassen parallel den Zugriff auf meine Positionsdaten jederzeit zu.

Immer online immer öffentlich
Mein Internet-Provider ist meine Schnittstelle zum öffentlichen Kommunikations-Marktplatz. Bei gmx ist meine Internetdatenbank. An jeder Mail befindet sich eine IP-Adresse. Spuren, die im Nachhinein verraten, wo und wann an welchem Rechner ich war. Aus Sicherheitsgründen stehen die Server und Datenbanken hinter verschlossenen Türen. Doch das Postgeheimnis ist aus einer anderen Zeit. Diese Postverteilerstelle hier ist für Polizei und Staatsanwaltschaft zugänglich. Der Provider ist verpflichtet, meine Daten für den Staat vorzuhalten.
„Jeder hat das Recht, über die Aufnahmen seiner Daten selbst zu bestimmen!“ sagt das Bundesverfassungsgericht – trotzdem nehmen mich private Sicherheitsdienste, und selbst die Polizei, auf – ohne dieses mir mitzuteilen. Nach den terroristischen Anschlägen von New York, Madrid und London ist Datenschutz für viele Sicherheitspolitiker ein schwaches Argument. Sie fordern mehr Videokameras auf öffentlichen Plätzen und Bahnhöfen.
Was letztendlich tatsächlich gespeichert wird, das werden die Innenminister entscheiden. Sie wollen die sogenannten Mautdaten und einige Länder ändern deshalb gerade die Gesetzesgrundlage.

Mein persšnlicher Hilferuf!
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: „Eine Gesellschaft, in der die Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann über sie weiß, ist mit unserer Verfassung nicht vereinbar!“ – Ich habe längst keinen Überblick mehr, und dabei nehmen die Datenbanken, in denen meine Daten gespeichert sind, täglich zu. Ich kann unmöglich selbst alle Datenbanken, in denen ich gespeichert bin, aufsuchen, ich kenne sie gar nicht und es werden immer mehr, von der Finanzdatei über die Gesundheitsdatei bis zur Indexdatei der Polizei und Geheimdienste. Zusätzlich die unzähligen privaten Datenbanken. – Wer soll das alles kontrollieren, wer dafür sorgen, dass Gesetze eingehalten werden?
Warum muss es noch lange dauern, bis ein Richterspruch des Bundesverfassungsgerichtes von 1983 endlich, über 20 Jahre danach, eingehalten wird? Warum darf Hinz und Kunz meine Daten ohne mein Wissen speichern, so dass ich meine eigenen Daten nicht mehr übersehen kann? Es wird Zeit, dass die Justiz ihre Bürger im Sinne des Bundesverfassungsgerichtsurteils schützt!

Im Auftrag der ARD war der Autor drei Monate auf der Suche nach seinen eigenen Daten. Der obige Text enthält Auszüge seiner Fernsehdokumentation: „Wer hat meine Daten? – Wie wir täglich ausspioniert werden“.